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Gesine Borcherdt

Schickeria - The Real World


Die Kunstszene ist wie Facebook: Alle sind „Freunde“, aber so richtig kennen tut sich kaum einer. Und mögen erst recht nicht. Stattdessen werden der aktuelle Gemütszustand oder naseweise Statements zu bereisten Metropolen in egomanischen Monologen von sich gegeben - Dinge, die keiner wissen will, aber die man sich virtuell genauso antut wie man auf Vernissagen den Endlos-Monologisten nur schwer entkommen kann. So gerne man sich hier mit seinem Weißweinglas einfach „ausloggen“ würde, so wenig schmeißt man dort die permanent-postende Nervensäge aus seinem Online-Netzwerk. „Freundschaften“ werden hier wie dort nur deshalb geschlossen, um die eigene Kontaktzone auf Teufel komm raus auszubauen. Web-Plattformen wie Facebook oder Myspace und das Gros der Kunstszene machen klar, wie groß die Angst ist, irgendetwas zu verpassen - oder besser: sich jemanden entgehen zu lassen, der einem irgendwie irgendwann nützlich sein könnte. Egal, auf welche Kommunikationshülsen man sich dabei einlässt.
Doch bei genauem Hinsehen fällt auf: Die meisten Leute, von denen man wirklich etwas will, fehlen. Und wer von ihnen nicht fehlt, steht stoisch mit einem einzigen Foto und dürftigen Infos im Netz wie der Fischer ohne seine Frau. Es scheint, als hätten solche Leute einen eigenen, natürlich entwickelten, von außen unzugänglichen Freundeskreis, der wenn überhaupt von alleine wächst und nicht permanent hysterisch erweitert wird. Solche Leute posten keine Kommentare über Depressionen nach einer verkoksten Nacht oder die krasse Krise der New Yorker Galerien. Sondern sie schweigen. Sie machen sich nicht wichtig, sie sind es bereits. Es sind die, die auf Eröffnungen ihren Weißwein neben der Tür trinken und nicht erst dann gehen, wenn sie den Galeristen zugetextet haben.
Irgendwo zwischen diesen entspannten Sich-Rarmachern und den aufgeregten „Freunden“ befindet sich versteckt ein kleiner, leerer, undefinierter Raum. Ein Raum, in dem man sich fallen lassen kann und sein darf, wie man ist. In dem sich das Hamsterrad der „Freundschaften“ im Leerlauf dreht. In dem keiner nett sein muss und es vielleicht genau deshalb dann doch ist. In diesem Raum befindet sich „Schickeria“.
Seit 2003 organisiert die Künstlerin Olivia Berckemeyer - neuerdings mit wechselnden Kuratoren - Off-Ausstellungen mit Berliner Künstlern an verschiedenen Orten. In der „Schickeria“, wie sie die Ausstellungsreihe genannt hat, werden keine „Freunde ge-added“. Freundschaften ergeben sich hier wenn überhaupt von selbst. Mitmachen tun fast immer alle, die eingeladen sind. Wer nicht will, hat selber Schuld. Wer einmal nicht gefragt wird, ist sauer. Künstler, die sich sonst immer raushalten. Künstler, die sonst überall mitmischen. Die Schweiger und die Poser. Bei „Schickeria“ gibt es keine VIPs. Das Credo einer „High Society“, über die sich die glamoursüchtige Kunstszene seit Anfang des Jahrtausends definiert, zerfließt bei „Schickeria“ in eine hierarchielose Off-Haltung, wie es sie sonst nirgendwo in der globalen Kunstwelt gibt. High und Low sind hier nichts, die Kunst und das Feiern sind alles. Klar, dass dafür nicht alle miteinander „befreundet“ sein müssen. Lästern ist erlaubt. Und lässt sich nicht vermeiden: Keine Wand der Welt vereint so viele Berliner Künstler dicht an dicht wie die der „Schickeria“. Alle Arbeiten zusammen ergeben ein Gesamtbild - wer neben wem hängt, scheint Zufall. Namensschilder gibt es nicht. Künstler, die seit einigen Jahren in Galerien, auf Auktionen und Blockbuster-Museumsausstellungen jeden geneigten Feuilletonleser aufjauchzen lassen, muss man hier zwischen vielen anderen, noch unbekannten Positionen suchen. Die „Schickeria“ setzt sie nicht ins Rampenlicht. Sie erinnert höchstens den, der draußen als „Star“ gefeiert wird, an die Zeit, als er selbst noch keiner war. Der Abwärtskurs der Kunstwelt in Richtung Boulevard und Business wird in der „Schickeria“ abgefedert, aufgefangen, korrigiert. „Schickeria“ ersetzt den Bussi-Bussi-Trend der Szene durch zwanglosen Respekt. Von Künstlern für Künstler - mit Berlin als einzigem gemeinsamen Nenner. Normalerweise nur für eine Nacht. In Braunschweig sind es vier Wochen, in denen 69 Künstler der „High Society“ Gesicht zeigen. Ganz ohne Facebook.

Gesine Borcherdt