Back

Bärbel Hartje

Schickeria-GALA



Kir Royal, das war diese Münchner Schicki-Micki Fernsehserie mit Franz Xaver Kroetz, der als Baby Schimmerlos Kolumnen über die ansässige Schickeria schrieb. Einerseits mit Faszination, gleichzeitig mit unterschwelliger Verachtung. Denn als Beobachter war er mittendrin und hatte dennoch keine vollständige Kenntnis darüber, wie genau die Fäden gestrickt wurden. Für Olivia Berckemeyer war Kir Royal der themengebende Titel ihrer letzten Schickeria (www.schickeria-berlin.de), die Ende September 2005 in Carlos Depot in Berlin stattfand.

Berckemeyer betreibt die Schickeria seit Oktober 2003. In unregelmäßigen Abständen veranstaltet sie für zwei bis drei Tage einen Salon, bei dem sie an eine Wand ihres Ateliers bzw. eines anderen Ausstellungs- oder Projektraumes jeweils ein Werk von ca. 50 Künstlerinnen und Künstlern aus ihrem Bekanntenkreis zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Jedes Mal gibt sie ein anderes Thema vor und wählt dementsprechend die Arbeiten in den Ateliers aus.

Zur Kir Royal Ausgabe der Schickeria wurde auch die gleichnamige Publikation zu dem Projekt vorgelegt, was den Abend zu einem speziellen machte. Ein Hauch von Glamour legte sich beim Anblick der vielen wichtigen Gäste auf Carlos Depot. Dokumentiert wird diese Schickeria GALA jetzt auf der Internetseite von Halle für Kunst. Auch wenn hier offensichtlich ein paar Szenerien manipuliert sind, so passt doch die Frage nach wahrer und falscher Berühmtheit, die sich einem prompt aufdrängt, zur Schickeria – und quält im übrigen die gesamte Kunstszene.

Die derzeit wichtigsten Kunstmessen für zeitgenössische Kunst in Basel, Miami und London zeigen, dass das gesellschaftliche, exklusive Drumherum, die Partys, Konzerte und Shows einen Glanz versprühen, der zum Magneten wird, der zelebriert wird und um den sich letztlich alles dreht. Hier findet das eigentliche Geschehen statt und hier ist die Teilnahme Pflicht. Es werden allerdings so viele V.I.P. Karten verteilt, dass fast jeder, der sich etwas geschickt anstellt, an den Events Teil haben kann, womit sich ihre Exklusivität schon wieder erübrigt. Bekanntlich ist es schnell hin mit der Berühmtheit, wenn es auf einmal alle ein bisschen sind. Dann bedarf es wieder einer neuen Definitionsmacht und Abgrenzung.

Olivia Berckemeyer pflegt einen ironischen Umgang mit diesen Mechanismen. Sie setzt ihre eigenen Maßstäbe und bildet ihre Definition von Zugehörigkeit. Sie entscheidet, welche Arbeit von welcher Künstlerin, von welchem Künstler dabei ist und wie sie gehängt wird. Doch sie ist keine Kuratorin. Sie fertigt aus den einzelnen künstlerischen Positionen eine Collage, ein neues Ganzes – ihr eigenes Werk. Sie fügt zusammen, was eigentlich nicht zusammen geht und verwährt dadurch den Künstlerinnen und Künstlern ihren Anspruch auf Individualität. Doch das ist verzeihbar, weil niemand in den Vordergrund gerückt wird, weil es ein großer Freundeskreis ist, der hier zusammengehängt wird und weil sich in der Schickeria aufhebt, wer mehr oder weniger erfolgreich, mehr oder weniger important ist. Dabei sein ist alles und wichtig ist wer drin ist.

Prost!

Bärbel Hartje